Charles William Morris* 23. Mai 1901 Denver (Colorado, USA)
Studium von Ingenieurwesen, Biologie, Psychologie und 1922 Bachelor of Science an der Northwestern University 1925 Philosophischer Doktorgrad an der University of Chicago Arbeit u.a. am Rice Institute, an der Universitäten von Havard, Chicago und Florida und der New School for Social Research
Morris fasst die Semiotik als Einzelwissenschaft sowie als Organon aller Wissenschaften auf. Seine Zeichentheorie wurde beeinflusst von der Theorie des symbolischen Interaktionismus seines Lehrers George H. Mead und lehnt sich an die Semiotik von Ch.S. Peirce an, rückt aber das beobachtbare ›Zeichenverhalten‹ in den Vordergrund. Auf der Grundlage des amerikanischen Pragmatismus, des Logischen Positivismus, des Empirismus und Behaviorismus entwickelt Morris eine Zeichentheorie, die er als ein Instrument zur Unifizierung der Wissenschaften versteht. Gegenstand und Zielsetzung der Semiotik ist für ihn eine allgemeine Theorie der Zeichen in allen ihren Formen und Erscheinungsweisen. Der Geltungsbereich der Semiotik reicht demnach von der Anthroposemiotik bis zur Zoosemiotik, wobei Morris die interdisziplinäre Bedeutung vor allem bei Wissenschaften wie Philosophie, Linguistik, Psychologie, Psychiatrie, Ästhetik, Biologie, Soziologie und Anthropologie sieht. Die Beziehung zwischen Semiotik und anderen Wissenschaften ist nach Morris eine zweifache: Zum einen steht sie als eigene Wissenschaft neben den anderen, andererseits ist sie ein Instrument ebendieser Wissenschaften. Als Einzelwissenschaft legt die Semiotik Grundlagen für alle speziellen Wissenschaften vom Zeichen (wie Linguistik, Mathematik, Rhetorik etc.). Sie ist damit eine Metawissenschaft und stellt einen Schritt zur Unifizierung der Wissenschaften dar. Instrument oder Organon aller Wissenschaften ist die Semiotik, da jede Wissenschaft ihre Ergebnisse durch Zeichen formulieren muss. Für die Semiotik hat sich v.a. Morris' Zeichenmodell sowie seine Unterteilung in die drei Semiosedimensionen als bedeutsam, allerdings auch als zunehmend problematisch erwiesen: Während Morris das Verhältnis von Syntaktik, Semantik und Pragmatik als ein in dieser Reihenfolge additives sieht, steht dieser Auffassung gegenwärtig eine integrative, die pragmatische Dimension betonende Konzeption gegenüber. Zudem wird Morris' Dreiteilung das Fehlen einer die materielle Realisierung und innere Struktur der Signifikanten untersuchenden Disziplin (Distingemik) bzw. die Nichtberücksichtigung der paradigmatischen Dimension des Zeichens sowie mangelnde Differenzierungen in den Teilbereichen Semantik und Pragmatik vorgeworfen. Die einflussreichsten Arbeiten von Morris sind die als Separatum der International Encyclopedia of Unified Science (1938) erschienenen »Foundations of the Theory of Signs« sowie die Schriften »Signs, Language, and Behavior« (1946) und »Signification and Significance« (1964). Ein Sammelband von 1971 enthält neben den Arbeiten von 1938, 1946 und Kap.1 von 1964 u.a. den wichtigen Aufsatz Esthetics and the »Theory of Signs« auf dem Jahr 1939. Lit: (U.M.) |